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Bindungsangst bei Männern – ein neuer Blick darauf, warum Nähe schwierig wird

  • Autorenbild: Sandra Sauter
    Sandra Sauter
  • 7. Jan.
  • 12 Min. Lesezeit
Bindungsangst bei Männern

Bindungsangst bei Männern begegnet mir in meiner Arbeit häufiger, als viele denken. Meist nicht in der Form von Angst oder Zweifel an der Beziehung, sondern viel leiser als Rückzug, Gereiztheit oder auch ein inneres Dichtmachen genau dann, wenn Nähe eigentlich gut wäre.


Oft sitzen mir Männer gegenüber, die sich selbst gar nicht als bindungsängstlich erleben. Sie fühlen sich eher überfordert oder eingeengt von zu viel Nähe. Und häufig sind da Partnerinnen, die spüren, dass sich auf der Beziehungsebene etwas verändert, ohne es richtig greifen zu können.


Dieser Artikel richtet sich an Männer, die Nähe wollen, ohne sich selbst zu verlieren, und an Partnerinnen, die verstehen möchten, was hinter Rückzug und Distanz wirklich steckt. Denn Bindungsangst hat oft weniger mit fehlender Bereitschaft zu tun als mit einem Nervensystem, das Nähe erst dann zulassen kann, wenn sie sich sicher anfühlt.


Warum viele Männer ihren Rückzug nicht als Bindungsangst erleben


Wenn Männer von Bindungsangst sprechen, denken viele sofort an Unsicherheit, Zweifel oder die Angst, sich einzulassen. In der Realität fühlt sich das innere Erleben jedoch oft ganz anders an. Für viele Männer taucht Bindungsangst nicht als Angst auf, sondern als etwas viel Alltäglicheres, viel Unauffälligeres. Als Genervtheit, innere Enge oder als das Gefühl, plötzlich mehr Raum zu brauchen, ohne genau zu wissen warum.


In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder Männer, die sagen: „Ich bin doch nicht ängstlich. Ich fühle mich einfach eingeengt.“ Oder: „Ich brauche gerade Zeit für mich.“ Für sie ist Rückzug kein emotionales Drama, sondern eine scheinbar logische Reaktion auf etwas, das sich innerlich zu viel anfühlt. Nähe wird nicht bewusst abgelehnt, sie fühlt sich einfach irgendwann anstrengend an. Gespräche sind ermüdend, die Erwartungshaltung stresst und im Körper ist Anspannung spürbar.


Bindungsangst bei Männern hat viele Gesichter


Was dabei leicht übersehen wird, ist, dass Angst viele Gesichter hat. Gerade bei Männern zeigt sie sich selten als Zittern oder Grübeln, sondern häufig als Gereiztheit, Distanz oder Rückzug. Der innere Zustand lässt keine Weite mehr zu, obwohl Beziehung eigentlich gewollt ist. Der Körper signalisiert Überforderung, lange bevor der Kopf einordnen kann, was eigentlich los ist.


Viele Männer haben gelernt, ihre Aufmerksamkeit nach außen zu richten. Zu funktionieren, zu leisten, Verantwortung zu tragen. Das Spüren des eigenen inneren Zustands spielt dabei oft eine untergeordnete Rolle. Wenn Nähe dann intensiver wird, wenn Beziehung mehr Raum einnimmt oder Erwartungen wachsen, fehlt häufig die Sprache für das, was im Inneren passiert.


Bindungsangst fühlt sich dann nicht wie Angst an, sondern wie ein Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie. Für den Mann selbst wirkt dieses Verhalten stimmig. Erst im Kontakt mit der Partnerin entsteht Irritation, weil Rückzug als Desinteresse oder Ablehnung verstanden wird. Hier beginnt ein zentrales Missverständnis. Denn das, was nach außen wie Unverbindlichkeit wirkt, ist innerlich oft ein Schutzmechanismus. Das Nervensystem signalisiert, dass mehr Nähe da ist, als verarbeitet werden kann.


Wie zeigt sich Bindungsangst bei Männern?


  • Weniger Lust auf Gespräche

  • Mehr Bedürfnis nach Alleinsein

  • Weniger körperliche Nähe

  • Manchmal auch in Gereiztheit oder Ungeduld


All das sind keine bewussten Entscheidungen gegen Beziehung, sondern körperliche Reaktionen auf ein inneres Zuviel. Wenn dieser Zusammenhang verstanden wird, verändert sich der Blick auf Rückzug grundlegend. Er wird weniger zu einem Zeichen von Unwillen und mehr zu einem Hinweis auf Überforderung. Und genau hier beginnt ein anderer Umgang mit Bindungsangst.


Bindungsangst bei Männern als körperliches Stoppsignal


Das Nervensystem spielt bei Bindungsangst bei Männern eine zentrale Rolle. Wenn Nähe intensiver wird, braucht der Körper ausreichend innere Sicherheit, um offen zu bleiben. Fehlt diese Sicherheit, schaltet der Organismus auf Schutz. Die Spannung steigt, die Atmung wird flacher und die Präsenz nimmt ab. Der Körper versucht, sich vor weiterer Überforderung zu bewahren, indem er Distanz schafft.


Gerade Männer, die im Alltag viel tragen, Verantwortung übernehmen und lange funktionieren, erleben diesen Punkt besonders deutlich. Ihr System ist häufig auf Leistung und Stabilität ausgerichtet. Nähe bedeutet dann nicht nur Verbindung, sondern auch zusätzliche Anforderungen wie gesehen werden, ansprechbar und emotional verfügbar sein.


Für einen Körper, der ohnehin unter Daueranspannung steht, kann genau das zu viel werden. Der Körper signalisiert, dass das Tempo gerade nicht stimmig ist und etwas langsamer werden darf. Wird das Bedürfnis nach mehr Raum ernst genommen, entsteht die Möglichkeit, Beziehung neu zu gestalten.


Bindungsangst bei Männern als Anzeichen für ein überlastetes System


Viele Männer haben nie gelernt, diese körperlichen Signale bewusst wahrzunehmen. Stattdessen greifen vertraute Strategien wie Ablenkung, Rückzug, Arbeit oder alleine sein. Das schafft zwar kurzfristig Entlastung, verändert jedoch nichts an der eigentlichen Dynamik. Nähe bleibt mit Anspannung verknüpft und die Beziehung fühlt sich weiter fordernd an.


Ein anderer Zugang entsteht dort, wo Bindungsangst nicht als persönliches Defizit betrachtet wird, sondern als intelligentes Regulieren eines überlasteten Systems. Der Körper versucht nicht, Beziehung zu sabotieren, sondern sich selbst zu schützen. Dieses Verständnis nimmt Druck heraus und öffnet einen neuen Blick auf das, was Beziehung braucht, damit sie sich sicher anfühlt. Bindungsangst bei Männern als körperliches Stoppsignal zu lesen bedeutet, Nähe nicht weiter zu pushen, sondern ihr eine andere Qualität zu geben. 


Was ist bei Bindungsangst bei Männern wichtig?


  • Weniger Tempo

  • Weniger Erwartung

  • Mehr Raum für den eigenen Rhythmus

  • Mehr körperliche Präsenz ohne Forderung 


Die Verbindung zwischen Bindungsangst und Sexualität


Bindungsangst bei Männern zeigt sich oft besonders deutlich in der Sexualität, beispielsweise, indem Lust mechanischer wird oder ganz verschwindet. Sex fühlt sich plötzlich leer an oder anstrengend und Nähe verliert ihre Selbstverständlichkeit. Für viele Männer ist das der Moment, in dem sie beginnen, sich innerlich zu distanzieren, ohne genau zu wissen, warum.


Sexualität ist einer der intimsten Orte von Beziehung. Sie verlangt Präsenz, Hingabe und die Bereitschaft, sich zeigen zu lassen. Genau hier wird spürbar, wie sicher sich ein Körper wirklich fühlt. Wenn Nähe im Alltag bereits mit Druck, Erwartungen oder dem Gefühl verbunden ist, funktionieren zu müssen, überträgt sich das unmittelbar auf die Sexualität.


Beziehungsangst bei Männern und innerer Widerspruch


Manche Männer erleben dann einen inneren Widerspruch. Auf der einen Seite der Wunsch nach Verbindung, nach Nähe, nach Lebendigkeit. Auf der anderen Seite ein Körper, der nicht mehr mitgeht. Lust bleibt aus oder fühlt sich fremd an. Das hat nichts damit zu tun, dass das Gegenüber unattraktiv geworden ist, sondern vielmehr, weil Sexualität unbewusst zur nächsten Anforderung geworden ist.


In solchen Phasen wird Sex oft reduziert oder ganz vermieden. Manchmal bleibt er bestehen, verliert jedoch seine Tiefe. Bewegungen werden routiniert, weil Präsenz fehlt. Der Körper macht mit, innerlich bleibt jedoch Abstand. Für den Partner oder die Partnerin fühlt sich das häufig verwirrend an. Nähe ist da und gleichzeitig wirkt der Partner nicht wirklich erreichbar.


Bindungsangst wirkt hier wie ein Schutzmechanismus. Der Körper zieht sich aus genau dem Bereich zurück, in dem Nähe am intensivsten erlebt wird. Sexualität verlangt eine Offenheit, die nur möglich ist, wenn das Nervensystem sich sicher fühlt. Fehlt diese Sicherheit, geht der Körper in Distanz, lange bevor der Mann dies bewusst reflektieren kann.


Warum es wichtig ist, Sexualität von Leistungsdruck zu entkoppeln


Viele Männer sprechen in diesem Zusammenhang von Müdigkeit, Stress oder fehlender Energie. Der Körper ist erschöpft vom Halten, vom Funktionieren, vom innerlich Starksein. Sexualität, die Verbindung vertiefen soll, wird dann als weiterer Ort erlebt, an dem etwas erwartet wird.


Ein entscheidender Wendepunkt entsteht, wenn Sexualität vom Leistungsdruck entkoppelt wird und Berührung nicht automatisch etwas auslösen muss. Wenn Intimität existieren darf, ohne dass sie zu Sex führen soll. In diesen Räumen beginnt der Körper oft wieder aufzutauen.


Entlastung erleben Männer mit Bindungsangst dann, wenn Sexualität nicht mehr bewertet wird. Wenn Lust kommen darf, aber nicht muss, weil körperliche Nähe nicht beweisen muss, dass Beziehung funktioniert. Genau hier zeigt sich, wie eng Bindungsangst und Sexualität miteinander verknüpft sind.


Sobald Sexualität wieder als Kontakt erlebt wird und nicht als Aufgabe, verändert sich ihre Qualität. Der Körper bekommt die Chance, Sicherheit neu zu lernen. Nähe darf wieder angenehm werden, weil sie nicht mehr etwas verlangt, sondern etwas ermöglicht.


Warum viele Männer ihre Bindungsangst selbst kaum erkennen


Die wenigsten Männer würden sich selbst als bindungsängstlich beschreiben. Dieses Wort passt nicht zu ihrem inneren Erleben. Sie fühlen sich nicht ängstlich, sondern eher genervt, überfordert, müde oder innerlich eng. Nähe erscheint anstrengend, Gespräche ziehen Energie, Erwartungen liegen schwer im Raum. Der Rückzug wirkt dann nicht wie Flucht, sondern wie eine vernünftige Entscheidung.


Genau hier liegt ein zentraler Punkt. Bindungsangst bei Männern zeigt sich selten als bewusste Angst vor Beziehung. Sie zeigt sich als körperliche Reaktion auf zu viel Nähe in zu kurzer Zeit. Der Körper meldet Überforderung, lange bevor der Kopf Worte dafür findet. Statt Angst entsteht das Bedürfnis nach Abstand. Statt Sehnsucht nach Verbindung wächst der Wunsch nach Ruhe.


Warum Bindungsangst bei Männern anders erlebt wird


Die Mehrzahl der Männer ist es gewohnt, ihre inneren Zustände über Funktionieren zu regulieren. Sie handeln, lösen, halten aus. Gefühle werden oft erst dann wahrgenommen, wenn sie sich körperlich bemerkbar machen. Gereiztheit, Rückzug, Lustverlust oder innere Leere sind dann keine emotionalen Botschaften, sondern scheinbar logische Reaktionen auf äußere Umstände.


Bindungsangst bleibt in diesem Zusammenhang unsichtbar, weil sie nicht als Angst erlebt wird. Sie fühlt sich eher an wie ein Verlust von Interesse, wie innere Abkühlung oder wie der Wunsch, wieder mehr bei sich zu sein. Der Körper zieht sich zurück, um sich zu schützen, nicht um Beziehung zu sabotieren.


Hinzu kommt, dass vielen Männern die Sprache für dieses innere Erleben fehlt. Es gibt oft klare Worte für Leistung, Ziele und Probleme, aber kaum für feine Zustände von Überforderung im Kontakt. Nähe wird dann nicht als zu viel benannt, sondern als störend, fordernd oder unnötig empfunden. Der Rückzug erscheint folgerichtig.


Warum Partner*innen bei Bindungsangst oft überfordert sind


Für Partnerinnen oder Partner wirkt dieses Verhalten oft widersprüchlich. Anfangs war Nähe möglich, vielleicht sogar intensiv, und plötzlich entsteht Abstand. Gespräche führen nicht weiter, weil der Mann selbst nicht genau weiß, was sich verändert hat. Er spürt nur, dass es enger geworden ist, ohne benennen zu können, warum.


Ein wichtiger Schritt liegt darin, Bindungsangst nicht als Charaktereigenschaft zu betrachten, sondern als körperliche Reaktion. Sobald Männer beginnen, ihren Rückzug nicht zu bewerten, sondern zu erforschen, verändert sich etwas Grundlegendes. Abstand wird dann nicht mehr zum Gegner von Beziehung, sondern zu einem Signal, das verstanden werden möchte.


Entlastung entsteht, wenn Männer erkennen, dass ihr Bedürfnis nach Rückzug kein Beweis für Beziehungsunfähigkeit ist. Es zeigt vielmehr, dass ihr Körper Zeit braucht, um Nähe zu integrieren. Beziehung wird dann nicht abgelehnt, sondern neu verhandelt, auf eine Weise, die den Körper mitnimmt.


Genau an diesem Punkt kann Beziehung wieder sicherer werden durch ein langsameres, körperlich orientiertes Annähern anstatt mehr Druck. Nähe darf wachsen, statt eingefordert zu werden. Und der Mann darf lernen, dass Rückzug kein Versagen ist, sondern Teil eines Regulationsprozesses. Ein neuer Umgang mit Bindungsangst analysiert weniger und nimmt mehr wahr. Wenn du den Körper ernst nimmst, wird Beziehung wieder möglich.


Woran erkenne ich, ob es Bindungsangst ist oder einfach ein gesunder Rückzug?


Nicht jeder Rückzug bedeutet Bindungsangst. Und nicht jede Pause in Nähe ist ein Zeichen dafür, dass jemand Beziehung meidet. Genau hier entsteht oft viel Verwirrung, weil Rückzug von außen schnell gleich aussieht, sich innerlich aber sehr unterschiedlich anfühlen kann.


Ein gesunder Rückzug fühlt sich meist stimmig an. Er entsteht aus dem Bedürfnis nach Ordnung im Inneren, nach Atemraum, nach einem kurzen Bei sich Sein. Der Kontakt zur Beziehung bleibt dabei spürbar. Gedanken kreisen nicht darum, weg zu sein, sondern darum, wieder klarer da zu sein. Nähe wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern kurz unterbrochen, damit sie sich später wieder gut anfühlen kann.


Bindungsangst bei Männern fühlt sich anstrengend an


Bindungsangst zeigt sich anders. Sie fühlt sich weniger nach Ruhe an und mehr nach Enge. Nähe wird nicht nur anstrengend, sondern innerlich drängend. Der Körper reagiert, bevor der Kopf Worte findet. Spannung steigt, Gereiztheit nimmt zu, manchmal auch ein Gefühl von innerem Abschalten. Rückzug bringt dann keine echte Erholung, sondern nur kurzfristige Entlastung. Kaum entsteht wieder Nähe, meldet sich das gleiche Unbehagen erneut.


Vielleicht erlebst du diesen Unterschied zunächst gar nicht bewusst. Du spürst keine Angst im klassischen Sinn, sondern eher Genervt Sein, Erschöpfung oder das Bedürfnis, wieder Luft zu bekommen. Der Gedanke an Beziehung fühlt sich plötzlich schwer an, obwohl dir dein Gegenüber wichtig ist. Genau hier wird Bindungsangst oft übersehen, weil sie sich nicht wie Angst anfühlt, sondern wie Überforderung.


Ein weiterer Hinweis liegt im Umgang mit Kontakt. Beim gesunden Rückzug bleibt innere Verbundenheit bestehen, auch wenn körperlich oder emotional kurz Abstand da ist. Es gibt ein Gefühl von Wahlfreiheit. Bei Bindungsangst entsteht dagegen oft ein innerer Zwang, Nähe zu regulieren, um wieder handlungsfähig zu sein. Rückzug fühlt sich dann weniger wie eine Entscheidung an und mehr wie eine Notwendigkeit.


Sexualität als Marker


Auch Sexualität kann hier ein feiner Marker sein. Beim gesunden Rückzug darf Lust pausieren, ohne dass sie grundsätzlich in Frage steht. Bei Bindungsangst wird Sexualität häufig entweder mechanisch oder verliert ganz ihren Reiz, sobald emotionale Nähe intensiver wird. Der Körper signalisiert, dass ihm etwas zu schnell, zu viel oder zu dicht wird.


Wichtig ist dabei vor allem eines: Beide Zustände sind Versuche des Körpers, sich zu schützen. Der Unterschied liegt nicht in richtig oder falsch, sondern darin, ob Rückzug Verbindung langfristig nährt oder ob er sie immer wieder unterbricht, ohne wirklich Entlastung zu bringen.


Bindungsangst verliert viel von ihrer Schwere, wenn sie nicht als Beziehungsproblem betrachtet wird, sondern als Hinweis darauf, dass Nähe schneller geworden ist, als der Körper folgen konnte. Genau hier beginnt eine andere Form von Beziehungsgestaltung, die weniger fordert und mehr trägt.


Was Nähe für Männer wieder sicher macht – aus dem Körper heraus


Nähe wird für viele Männer genau dann schwierig, wenn sie sich innerlich nicht mehr steuerbar anfühlt. Wenn Erwartungen im Raum stehen, unausgesprochen oder sehr konkret. Wenn Beziehung schneller wird als das eigene Empfinden. Und wenn der Körper keine Gelegenheit hatte, Schritt für Schritt mitzugehen. Sicherheit entsteht dann nicht durch Erklärungen oder gute Vorsätze, sondern über Erfahrung.


Langsamkeit


Ein zentraler Punkt ist Tempo. Nähe braucht für viele Männer mehr Zeit, als sie sich selbst oft zugestehen. Nicht, weil sie zögerlich sind, sondern weil ihr Körper erst prüfen möchte, ob er bleiben kann, ohne sich zu verlieren. Langsamkeit wirkt hier nicht als Bremse, sondern als Einladung. Sie gibt dem Nervensystem die Möglichkeit, wahrzunehmen, dass Nähe nicht automatisch Vereinnahmung bedeutet.


Absichtslose Berührungen


Ebenso wichtig ist Nähe ohne Erwartung. Sobald Beziehung oder Berührung ein Ziel verfolgt, reagiert der Körper sensibel. Sicherheit entsteht dort, wo Kontakt für sich stehen darf. Wo ein Zusammensitzen, ein gemeinsames Schweigen oder eine Berührung nicht sofort etwas bedeuten oder nach sich ziehen muss. In solchen Momenten kann der Körper lernen, dass Nähe keinen Auftrag hat.


Entspannter Rückzug


Auch der Umgang mit Rückzug spielt eine große Rolle. Wenn Rückzug als legitimer Teil von Beziehung erlebt wird und nicht als Gefahr, verändert sich viel. Männer können Nähe eher halten, wenn sie wissen, dass Abstand erlaubt ist, ohne dass Verbindung infrage steht. Diese Erfahrung schafft Vertrauen, nicht über Worte, sondern über wiederholtes Erleben.


Körperlichkeit ohne Leistungsdruck


Körperliche Präsenz ohne Leistungsdruck ist ein weiterer Schlüssel. Viele Männer kennen Nähe vor allem über Tun, über Aktivität, über Funktionieren. Sicherheit entsteht jedoch oft dort, wo nichts getan werden muss. Ein gemeinsamer Atem, ein ruhiger Kontakt, ein einfaches Dasein ohne Aufgabe. Der Körper bekommt so die Information, dass er nicht liefern muss, um willkommen zu sein.


Sexualität ohne Erwartungen


Sexualität spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Sie wird dann sicherer, wenn sie nicht als Test für Verbundenheit dient. Lust darf auftauchen oder ganz sanft bleiben, ohne bewertet zu werden. Nähe verliert ihren bedrohlichen Charakter, wenn sie nicht ständig mit Leistung, Verfügbarkeit oder Erwartung verknüpft ist.


Wahlfreiheit


Was Nähe für Männer wieder sicher macht, ist letztlich eine Erfahrung von Wahlfreiheit im eigenen Körper. Bleiben zu können, ohne sich festgelegt zu fühlen und gehen zu dürfen, ohne Beziehung zu gefährden. Genau dort verliert Bindungsangst ihren dominanten Platz, weil der Körper wieder spürt, dass Nähe nicht etwas ist, dem er standhalten muss, sondern etwas, das ihn nicht überfordert.


Für die Partner*in: Wie du Nähe begleiten kannst, ohne Druck zu erzeugen


Für viele Partner*innen ist Bindungsangst schwer auszuhalten, vor allem dann, wenn sie sich selbst verbindungsbereit fühlen und Nähe wünschen. Es entsteht schnell ein inneres Ungleichgewicht. Du bist da, offen, vielleicht auch verletzlich, während dein Gegenüber sich zurückzieht, langsamer wird oder ambivalent reagiert. Das kann verunsichern, traurig machen oder alte Zweifel wachrufen, selbst dann, wenn du rational weißt, dass sein Rückzug nichts mit fehlenden Gefühlen zu tun haben muss.


Was hier hilft, ist weniger ein bestimmtes Verhalten und mehr eine innere Haltung. Nähe wird für Männer oft dann möglich, wenn sie erleben, dass sie sich bewegen dürfen, ohne etwas zu verlieren. Wenn Rückzug nicht sofort als Bedrohung gelesen wird, sondern als Teil seines Rhythmus. Diese Erfahrung entlastet nicht nur ihn, sondern auch dich, weil Beziehung nicht mehr ständig abgesichert werden muss.


Warum bei Bindungsangst bei Männern weniger mehr ist


Viele Partnerinnen versuchen intuitiv, durch Gespräche, Erklärungen oder emotionale Offenheit Sicherheit herzustellen. Das ist verständlich und oft liebevoll gemeint. Für ein überfordertes Nervensystem kann genau das jedoch zu viel werden. Nähe wird fordernder, auch wenn sie eigentlich verbinden soll. Was stattdessen hilft, ist Präsenz ohne Erwartung. Wenn du da bist, ohne etwas klären zu wollen und mit deinem Partner verbunden bleibst, ohne Nähe einzufordern.


Hilfreich ist auch, die eigene Mitte nicht aus dem Blick zu verlieren. Bindungsangst bei Männern wird besonders schmerzhaft, wenn sie dazu führt, dass du dich selbst zurücknimmst, dich anpasst oder wartest, um Beziehung stabil zu halten. Beziehung bleibt lebendig, wenn beide in Kontakt mit sich selbst bleiben dürfen, mit ihren Bedürfnissen, Grenzen und ihrem eigenen Tempo.


Du musst nichts richtig machen, um ihm seine Angst zu nehmen. Du kannst ihm jedoch einen Raum anbieten, in dem Nähe nicht beweisen muss, dass sie sicher ist. Dieser Raum entsteht dort, wo du bei dir bleibst, ohne zu kontrollieren, und verbunden bleibst, ohne dich selbst zu verlieren. Genau diese Balance wird oft zur stillen Einladung für seinen Körper, wieder näher zu kommen.


Fazit: Bindungsangst bei Männern neu verstehen


Bindungsangst bei Männern zeigt sich selten als Angst im klassischen Sinne. Sie zeigt sich als Rückzug, als Gereiztheit, als innere Distanz oder als das Bedürfnis nach Freiheit genau dann, wenn Nähe intensiver wird. Hinter all dem steht oft kein mangelnder Beziehungswille, sondern ein Körper, der versucht, Überforderung zu regulieren.


Wenn Bindungsangst als körperliches Schutzsignal verstanden wird, verändert sich der Blick auf Beziehung. Männer müssen nichts überwinden, um verbindlich zu sein. Sie brauchen Bedingungen, unter denen ihr Körper Nähe als sicher erleben kann. Partnerinnen müssen nichts reparieren, um Beziehung zu halten. Sie dürfen präsent bleiben, ohne sich selbst zu verlieren.


Beziehung wird dort tragfähig, wo Tempo, Nähe und Rückzug nicht bewertet, sondern wahrgenommen werden. Wo Sicherheit nicht eingefordert, sondern erfahrbar wird. Und wo Bindung nicht als Konzept verstanden wird, sondern als etwas, das sich im Körper stimmig anfühlen darf. Genau hier beginnt Beziehung, die Tiefe erlaubt, ohne zu überfordern. Und genau hier verliert Bindungsangst ihre Macht.

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